Seiteninhalt

Nie wieder!

Stadt Oranienburg und Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg mahnen anlässlich des 1. Septembers zu Vielfalt, Toleranz und Demokratie

Anne Frank
Anne Frank

„Ich sehe, wie die Welt allmählich in eine Wildnis verwandelt wird. Ich höre den nahenden Donner, der auch uns vernichten wird. Ich kann das Leiden von Millionen spüren."
Anne Frank

Am 1. September finden nicht nur die Landtagswahlen in Brandenburg statt, an diesem Tag jähren sich auch der Angriff der Deutschen Wehrmacht auf Polen und damit der Beginn des Zweiten Weltkrieges, zum 80. Mal. Diesen Gedenktag wollen die Stadt Oranienburg und die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg mit einer gemeinsamen Aktion am Schloss Oranienburg in das Bewusstsein der Einwohner/innen und Gäste der Stadt bringen und darauf hinweisen, wie wichtig Vielfalt, Toleranz und eine starke Demokratie sind, damit sich Intoleranz, Verfolgung und Krieg nicht wiederholen. 

Vom 23. August bis zum 2. September wird ein 100 Quadratmeter großes Banner an der Oranienburger Schlossfassade eben diese Fassade zu Zeiten der Machtergreifung der Nationalsozialisten zeigen. Daneben gestellt sind das Zitat „Ich sehe, wie die Welt allmählich in eine Wildnis verwandelt wird.“ aus dem Tagebuch von Anne Frank sowie der Aufruf „Nie wieder!

Christoph Martin Vogtherr
Christoph Martin Vogtherr
Die Geschichte Oranienburgs und seines Schlosses hat zwei Seiten: Einerseits denst der Offenheit und Toleranz, den Prinzessin Louise Henriette vor mehr als 350 Jahren nach Oranienburg brachte und damit einerseits Fortschritt und Lebensfreude gedeihen ließ, andererseits die verhängnisvollen Auswirkungen tiefster Intoleranz, als im Schloss die SS-Truppen für das Konzentrationslager Sachsenhausen untergebracht waren und unmenschliche Verbrechen in Oranienburg geplant und ausgeführt wurden. Aus diesem historischen Gegensatz erwächst unsere Verantwortung für Erinnerung, Weltoffenheit und Toleranz in Gegenwart und Zukunft“, sagt Christoph Martin Vogtherr, Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg.   
Alexander Laesicke
Alexander Laesicke

80 Jahre nachdem von Deutschland Tod und Zerstörung ausgingen und 60 Millionen Tote in ganz Europa die Folge waren, wollen wir ein sichtbares Zeichen der Mahnung setzen, wohin Intoleranz, Menschenfeindlichkeit und Rechtsextremismus führen“, erklärt  Bürgermeister Alexander Laesicke: „Wir wollen den Oranienburgerinnen und Oranienburgern sowie den Menschen, die diese Stadt besuchen – ganz besonders in diesen Tagen, in denen die Stadt und das Schloss im Fokus von Wahlkampfveranstaltungen sind – zeigen, dass wir uns unserer Verantwortung aus der Geschichte bewusst sind. Gerade in Zeiten, in denen Gäste der Bundestagsabgeordneten Alice Weidel in der Gedenkstätte Sachsenhausen den Holocaust leugnen, ist es wichtig, Haltung zu zeigen und für Vielfalt, Toleranz und Demokratie einzustehen.“

 


 

Veranstaltungen

 

24.09.2019 · 18:30 Uhr · Schlossmuseum Oranienburg

»Im guten Einvernehmen – Die Stadt Oranienburg und die Konzentrationslager Oranienburg und Sachsenhausen 1933–1945«
Buchvorstellung und Diskussion mit Autor Frédéric Bonnesoeur.

Für die Einrichtung der nationalsozialistischen Konzentrationslager war das kommunale Umfeld von grundlegender Bedeutung. Die KZ waren keine isolierten Orte, sondern über ein engmaschiges Netz von verwaltungstechnischen, wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen in ihre Umgebungsgesellschaft eingebunden. Paradigmatisch für dieses wechselseitige Zusammenspiel steht die Einrichtung der Konzentrationslager Oranienburg und Sachsenhausen in der Stadt Oranienburg. Frédéric Bonnesoeur fragt nach den Interessen von Stadtverwaltung und örtlicher Wirtschaft bei der Etablierung von zwei der zeitweise größten Konzentrationslager des Deutschen Reiches und den Auswirkungen kommunalpolitischer Entscheidungen. Darüber hinaus beleuchtet er die Kontakte zwischen SA, SS, KZ-Gefangenen und Bevölkerung.

Frédéric Bonnesoeur studierte Neuere Geschichte und Französische Philologie in Berlin und Leicester (England). Er war pädagogischer und wissenschaftlicher Mitarbeiter in Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen sowie als freier Mitarbeiter im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors tätig. Seit 2016 ist er freier wissenschaftlicher Mitarbeiter des Archivs der Gedenkstätte Yad Vashem (Israel). Derzeit promoviert er an der TU Berlin zur Etablierung des KZ-Systems in Thüringen und Preußen 1933-1945.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Gedenkstätte Sachsenhausen.

 


 

Leitbild Toleranz der Stadt Oranienburg

Am 12. August 2019 hat die Oranienburger Stadtverordnetenversammlungdas Leitbild Toleranz erneuert und bekräftigt. Damit bekennen sich der Bürgermeister sowie die Stadtverordnetenversammlung zu den Werten und Grundfesten der Resolution und einer aktiven Mitarbeit an einem friedlichen, toleranten Zusammenleben in unserer Stadt.

 

Leitbild Toleranz

„Die Stadtverordnetenversammlung Oranienburg erneuert und bekräftigt ihr im Jahr 2008 beschlossenes „Leitbild Toleranz“ als Zeichen gelebter Demokratie sowie als Bekenntnis und Aufruf zur Zivilcourage.

Oranienburg bekennt sich als Stadt und als Lebensmittelpunkt von mehr als 45.000 Menschen mit dem „Leitbild Toleranz“ zu einer Haltung, die eine freiheitliche Gesellschaft – und damit die Stadt Oranienburg selbst – lebenswert macht.

Der Toleranzbegriff im Leitbild orientiert sich an der Erklärung zur Toleranz, wie sie von 185 Mitgliedsstaaten der UNESCO im November 1995 verabschiedet worden ist. In dieser Erklärung heißt es in Artikel 1:

Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt. Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht, und trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden. Toleranz ist nicht gleichbedeutend mit Nachgeben, Herablassung oder Nachsicht. Toleranz ist vor allem eine aktive Einstellung, die sich stützt auf die Anerkennung der allgemeingültigen Menschenrechte und Grundfreiheiten anderer.“

Die vielschichtigen historischen Wurzeln Oranienburgs sind Teil der Identität der Bewohnerinnen und Bewohner. Die Vergangenheit und ihre Bedeutung sind im Stadtbild nicht immer offensichtlich, haben aber die Stadt zu dem geformt, was sie heute ist. Die große Bedeutung der Toleranz kommt in dieser bewegten Vergangenheit zum Ausdruck. Es ist eine Erkenntnis aus der Geschichte, dass Oranienburg immer dann besonders  erfolgreiche und gute Zeiten erlebt hat, wenn das Klima in der Stadt von Weltoffenheit, Toleranz, Fremdenfreundlichkeit und Religionsfreiheit geprägt war.

Den Grundstein des heutigen Oranienburger Toleranzgedankens legte bereits die Kurfürstin Louise Henriette von Oranien im 17. Jahrhundert mit ihrer liberalen Haltung. Diese fand in der Ansiedlung von religiös Verfolgten, der Unterstützung von sozial Schwachen und ihrer Bereitwilligkeit, das Wissen ihrer Heimat zum Nutzen dieses fremden Landes einzusetzen, ihren Ausdruck. Der Kurfürstin folgten Entdecker wie der Anilin-Erfinder Friedlieb Ferdinand Runge, der Nobelpreisträger Walter Bothe, der Wissenschaftsphilosoph Carl Gustav Hempel oder der ehemalige amerikanische Finanzminister Michael W. Blumenthal, heute Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Oranienburg.

Die Toleranz findet ihren Ausdruck aber auch im heutigen Umgang mit dem ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen. Das Gedenkstätten-Gelände zeigt den Besucherinnen und Besuchern eindrücklich die katastrophalen Konsequenzen auf, die sich ergeben, wenn an die Stelle von Weltoffenheit, politischer Freiheit und Toleranz Untugenden wie Chauvinismus, Volksverhetzung und Rassismus treten und so die geistige Stimmung eines Landes prägen.

Die Zukunft Oranienburgs verlangt nach Respekt, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit für jeden Einzelnen und für das Zusammenleben. Wir wollen Möglichkeiten der Begegnung erhalten und ausbauen. Dazu braucht es das Engagement der Politik und aller Bürgerinnen und Bürger. Toleranz kann nicht allein staatliche Aufgabe sein, sondern ist eine Haltung, die jedes Mitglied einer aufgeklärten Zivilgesellschaft praktisch leben sollte.“

 

 

Immer wieder gibt es Aktivitäten, die die Gedanken von Toleranz und Vielfalt nachhaltig in der Stadt vertiefen. Als erste Kommune wurde Oranienburg 2008 offizieller Kooperationspartner der Landesinitiative „Tolerantes Brandenburg“. Im selben Jahr erklärte das Bundesinnenministerium die Stadt Oranienburg aufgrund ihrer Bemühungen zum „Ort der Vielfalt“. Ein besonderes Ereignis ist auch der Franz-Bobzien-Preis, der seit 2010 alle zwei Jahre gemeinsam mit der Gedenkstätte vergeben wird. Mit ihm werden Projekte für Demokratie und Toleranz in Brandenburg und Berlin gewürdigt.

Im April 2020 wird anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen zum sechsten Mal der Franz-Bobzien-Preis vergeben. Ab sofort können wieder Bewerbungen für den Preis eingereicht werden.

Mit der Auszeichnung wollen die Stadt Oranienburg sowie die Gedenkstätte und das Museum Sachsenhausen Projekte in Brandenburg und Berlin würdigen, die in einem besonderen Maße zu Demokratie, Toleranz und Vielfalt beitragen. Besondere Beachtung erfahren zudem Projekte, bei denen es gelingt, die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und seiner Folgen in Deutschland mit der Gegenwart zu verknüpfen.

Wer sich Oranienburgs Geschichte anschaut, sieht, wie eine Stadt unter gelebter Toleranz aufblühen und wie sie unter Intoleranz zu einem Ort werden kann, an dem die schlimmsten Verbrechen geschehen“, sagt Oranienburgs Bürgermeister Alexander Laesicke. „Deshalb liegt es mir besonders am Herzen, mit dem Franz-Bobzien-Preis Projekte und Menschen auszuzeichnen, die sich für Demokratie, Toleranz und Vielfalt starkmachen. Denn nur eine Gesellschaft, die verschiedene Meinungen und Lebensformen als Bereicherung empfindet, kann am Ende gewinnen. Die Abwesenheit von Toleranz führt ins Unglück“, so Laesicke.

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die Fragen nach Ursachen und Strukturen, die den Zivilisationsbruch des Holocaust ermöglicht haben, sind ein wesentlicher Bestandteil unserer auf Demokratie, Toleranz und Menschenrechten basierenden Gesellschaft“, sagt Axel Drecoll, Leiter der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhaussen. „Mit dem Franz-Bobzien-Preis wollen wir daher die vielen zivilgesellschaftlichen Initiativen und Projekte würdigen, die mit Engagement und Empathie diese Geschichte bearbeiten und an die Opfer erinnern“, so Drecoll.

Das Preisgeld für das Gewinnerprojekt beträgt 3000 Euro. Die Zweit- und Drittplatzierten erhalten attraktive Sachpreise. Bewerbungsschluss ist der 27. September 2019.

Bewerben können sich Vereine, Schulen, sonstige Bildungseinrichtungen, Initiativen und Einzelpersonen aus Brandenburg oder Berlin. Die Wettbewerbsteilnehmer können sich als Projektträger direkt bewerben oder vorgeschlagen werden. Die genauen Bewerbungsmodalitäten können auf www.oranienburg.de/bobzienpreis sowie im offiziellen Ausschreibungsflyer nachgelesen werden.

Hinter dem Franz-Bobzien-Preis stehen nicht nur die Stadt Oranienburg und die Gedenkstätte Sachsenhausen, sondern zahlreiche bedeutsame Partner, die das Anliegen des Preises unterstützen: Schirmherr über die Ausschreibung ist der Ministerpräsident des Landes Brandenburg Dr. Dietmar Woidke. Zudem wird der Preis vom Aktionsbündnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit Brandenburg, der Berliner Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung, dem Berliner Ratschlag für Demokratie, dem Deutschen Gewerkschaftsbund Berlin-Brandenburg (DGB), dem Zentralrat der Juden in Deutschland sowie dem Tagesspiegel als Medienpartner unterstützt.

Mit der Benennung des Preises nach Franz Bobzien soll dessen mutiger Einsatz unter äußerst gefährlichen Bedingungen gewürdigt werden: Der Lehrer und Politiker Franz Bobzien war ab 1938 aufgrund seines Widerstands gegen das NS-Regime im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Hier engagierte er sich unter schwierigsten Bedingungen vor allem für jugendliche Mitgefangene. Am 28. März 1941 kam er bei Bombenräumungsarbeiten in Berlin ums Leben.